> Pressespiegel > Bericht: SCHWÄBISCHE, 29. November 2015
 

Unterricht mit Händen und Füßen

 In Überlingen werden 15 Flüchtlinge aus Salem, Deisendorf und Umgebung in Deutsch unterrichtet

Überlingen – In einem Klassenzimmer der Jörg-Zürn-Gewerbeschule in Überlingen erklingt Stimmengewirr – Deutsch, Englisch und verschiedene arabische Sprachen. 15 Flüchtlinge sind hier in der VABO-Klasse (Vorqualifizierungsjahr Arbeit und Beruf ohne ausreichende Deutschkenntnisse) und lernen heute Worte mit dem Buchstaben „O“. Dafür hat sich Lehrerin Alice Hagg praktischen Unterricht einfallen lassen. „Wir machen Obstsalat“, so die Pädagogin. Zuvor war die ganze Klasse geschlossen im Supermarkt. Die projekthafte Lernsituation soll den 16 bis 20 Jahre alten Flüchtlingen den Einstieg in den deutschen Alltag erleichtern.

Die VABO-Klasse gibt es in der Kreis-Gewerbeschule seit diesem Schuljahr. Dabei handelt es sich um eine einjährige Vollzeitschule für junge berufsschulpflichtige Migranten und Asylbewerber. Sprachförderung wird dort mit der elementaren Berufsförderung kombiniert. Der Bedarf ist so groß, dass bereits jetzt eine zweite Klasse geplant ist. Nur Pädagogen dafür zu finden, ist schwer. „Zum Teil werden pensionierte Lehrer angesprochen, ob sie Lust haben, die Flüchtlinge in Deutsch zu unterrichten“, erklärt Johannes Braun, Lehrer an der Jörg-Zürn-Gewerbeschule und zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit. Noch sei die Situation gut zu stemmen, bei einer weiteren VABO-Klasse sähe dies aber schon anders aus.

Stimmung ist meist gut
„Kiwis gibt es in Somalia nicht“, stellt ein Jugendlicher in gebrochenem Deutsch fest, der gerade eine Frucht schneidet. Das Alter und die Herkunft der Flüchtlinge sind grundverschieden, ebenso ihre Unterbringung und ihre Deutschkenntnisse. Said, 18, aus Somalia spricht schon richtig gut deutsch. Er erklärt, dass er eine Ausbildung als KFZ-Mechaniker absolvieren möchte. Er wohnt in einer Gemeinschaftsunterkunft in Deisendorf, andere Jugendliche kommen aus Salem oder Überlingen. Sie sind seit wenigen Monaten in Deutschland, manche von ihnen ohne Familienmitglieder.

Die Stimmung im Unterricht ist gut – bei den meisten jedenfalls. Drei Jugendliche aus Syrien kommen zu spät zum Unterricht. „Da muss ich jetzt hart durchgreifen“, sagt Alice Hagg und schickt die jungen Männer wieder heim. „Sie haben noch nie eine Schule besucht und es fällt ihnen schwer, sich an Regeln zu halten. Aber man muss hier klare Grenzen setzen“, so Hagg. Einer der Syrer knall wütend die Tür hinter

Mohamed, Said und Omad (von links) beim Obstsalatmachen im Unterricht in der Jörg-Zürn-Gewerbeschule Überlingen.
Fotos: Anna-Lena Buchmaier

sich zu. Dann wird wieder ausgelassen geredet und gelacht.

Vertrauen erst verdienen
Doch so fröhlich die Unterrichtsstunde anmuten mag, viele der Jugendlichen haben dunkle Stunden hinter sich. „Manche sind traumatisiert, hatten anfänglich große Angst vor Berührung, sind zusammengezuckt oder waren apathisch“, berichtet Hagg. Doch die Lehrerin hat sich bei den Jungen Vertrauen und Respekt verdient. Das sei anfangs nicht leicht gewesen, besonders als Frau.

Hagg ist die Mama für alle
„Mittlerweile bin ich hier die Mama für alle“, scherzt Hagg. Doch bei aller Herzlichkeit: Hagg ist konsequent und streng, sie versucht, den Jungen westliche Werte nahezubringen. Mit den Jugendlichen verständigt sie sich „mit Händen und Füßen“ und oft auf „Denglisch.“

Der stellvertretende Schulleiter, Reinhard Jürß, erklärt: „Die Klasse haben wir neu eingerichtet, wir werden jetzt ihre Entwicklung beobachten. Natürlich geht es nicht immer ohne Reibung zu. Die Jugendlichen sprechen verschiedene Sprachen, haben verschiedene religiöse Hintergründe.“ Stefan Wunder, seit diesem Schuljahr Schulleiter der Jörg-Zürn-Gewerbeschule, ergänzt: „Es ist eine heterogene Klasse“. Manche müssten noch die lateinische Schrift lernen. „Wenn wir es schaffen würden, sie auf den Beruf vorzubereiten, dann wäre das gelungene Integration“, so Jürß.

16 Stunden Deutsch absolvieren die Flüchtlinge pro Woche. Der Weg zur Ausbildung ist lang, aber ein Großteil derer, die solche Vorbereitungsklassen besuchen, schafft es, einen Ausbildungsplatz zu ergattern.


Anna-Lena Buchmaier, Schwäbische Zeitung, 29.11.15 nach oben