> Pressespiegel > Bericht: SÜDKURIER, 04. Dezember 2014
 

Zukunft liegt in der Windenergie

 Jörg-Zürn-Gewerbeschule organisiert Vortrag von Uni-Dozent Heiner Dörner - Windkraft-Befürworter erläutert technische Seite und diskutiert mit Zuhörern

Überlingen – Dass Flugzeugbauer gute Windräder konstruieren und wie sie das machen, zeigte Diplom-Ingenieur Heiner Dörner in seinem Vortrag den 60 Zuhörern im Dorfgemeinschaftshaus Nußdorf. Der Dozent der Universität Stuttgart war auf Einladung der Jörg-Zürn-Gewerbeschule Überlingen gekommen.  Sein Lehrer, Windkraft-Pionier Professor Ulrich Hütter, hatte vor 80 Jahren begonnen, sowohl Windräder als auch Flugzeuge zu konstruieren. Gemeinsamkeiten gibt es auch beim Material. Die Rotorblätter einer Windturbine und die Hülle eines Segelflugzeugs werden aus mit Glasfaser verstärktem Kunststoff hergestellt. „Und die großen Windturbinen funktionieren nach dem Prinzip des Auftriebs, wie die Tragflächen eines Flugzeugs“, erklärte der 1940 geborene Dörner. Er ist Dozent im Studiengang Luft- und Raumfahrt der Universität Stuttgart, und das seit 1968. Obwohl er schon zehn Jahre im Ruhestand ist, unterrichtet er weiter. Einer der ungefähr 1000 Studenten, die im Lauf der Zeit bei ihm die Windenergieprüfung abgelegt haben, war unter den Zuhörern – Stefan Österle, Leiter der Claude-Dornier-Schule in Friedrichshafen.

Nach Nußdorf eingeladen hatte die Jörg-Zürn-Gewerbeschule im Rahmen ihrer Vortragsreihe Technikvisionen. „Wir wollen durch Veranstaltungen wie heute lernbereite junge Menschen mit aktuellen Fragen konfrontieren und zu einer intensiven Auseinandersetzung mit lebensrelevanten Themen der Technik veranlassen“, sagte Schulleiter Paul Baur zur Einleitung. Das Thema Windräder scheint die Bevölkerung in zwei Lager zu spalten. Für die Einen sind sie majestätische Giganten, für die Anderen gefährliche Monsterräder.

Dörner, ein Befürworter der Windenergie, gab gut verständlich und unterhaltsam Nachhilfe in Sachen Historie und Technik. Warum müssen die Anlagen so groß sein? Kann man sie zum Schutz der Vögel und Fledermäuse langsamer laufen lassen? Warum ersetzen wir nicht eine große Anlage durch viele kleine, beispielsweise auf den Dächern unserer Häuser? Der Experte machte klar, dass erst mit der heute an Land üblichen Turmhöhe von rund 140 Metern und der Umlaufgeschwindigkeit der Rotorspitzen von bis zu 100 Metern pro Sekunde ein wirtschaftlicher Betrieb möglich ist.

Kleinen Windrädern auf Hausdächern erteilte Dörner eine Abfuhr. „Sie bringen nur einen Bruchteil der Leistung, die für eine Waschmaschine nötig ist. Für ein Radiogerät reicht es.“ Auch könnten in Windrichtung hintereinander platzierte Anlagen zu Ärger unter Nachbarn führen, da die hinten liegenden Turbinen im Windschatten der vorderen stünden. Dörner warb um Verständnis dafür, dass der Wind eine relativ geringe Energiedichte hat im Vergleich zum Treibstoff von Verbrennungsmotoren. Deshalb brauche man die großen Rotordurchmesser.

Die Ziele der Landesregierung von Baden-Württemberg, zehn Prozent des Stroms bis zum Jahr 2020 durch Windkraft zu erzeugen, sind ehrgeizig. Dazu muss die aktuell vorhandene Zahl von 400 Windrädern auf 1500 gesteigert werden. Tatsächlich könnten 40 bis 50 Prozent davon nach Meinung Dörners nordöstlich von Heilbronn stehen, wenn es nach der Qualität der Standorte geht. Als Mitglied im Regionalverband Heilbronn-Franken und seit 1971 Gemeinderat für die Freien Wähler in Heilbronn, ist er von dem bisherigen Verlauf der Energiewende und der mangelnden Klarheit vieler Politiker enttäuscht.

Den Windrädern, wie hier bei Schwäbisch Hall, gehört die Zukunft der Stromversorgung. Uni-Dozent Heiner Dörner erläuterte bei seinem Vortrag in Überlingen, warum er dieser Meinung ist.
Bild: König

„Dieser gewaltige Umbau des Systems hat natürlich seinen  Preis“, lautete sein Credo, „aber wir haben keine andere Wahl mit Blick auf die verheerenden Folgekosten der Kernkraft und in Anbetracht des Klimawandels.“

Die Diskussion, an der sich Schüler, Lehrer, Mitglieder der Umweltschutzverbände Bund für Umwelt und Naturschutz und Naturschutzbund Deutschland, Mitarbeiter des Stadtwerks am See sowie mehrere Gemeinderäte beteiligten, drehte sich um die hier und jetzt erforderlichen Maßnahmen. „Das Stadtwerk am See hat nach wie vor die Absicht, sich an Windkraftanlagen zu beteiligen, auch wenn mögliche Standorte noch unklar sind“, informierte Robert Dreher von der Gemeinderatsfraktion Freie Wähler/ÜfA. Irene Alpes von der Fraktion LBU/Die Grünen ergänzte: „Zusätzlich gibt es in Überlingen genügend private Interessenten für die Beteiligung an einem Bürgerwindrad. Wir führen seit zwei Jahren schon eine Warteliste dazu.“ Weitere Themen waren die Speichertechnik „Power-to-Gas“, die Abkehr von der zentralen Strombörse in Leipzig und ein besseres Verbraucherverhalten. Strom müsste verstärkt dann genutzt werden, wenn Sonne und Wind viel Energie liefern, meinte ein Zuhörer. Dann bräuchten wir weniger Speichertechnik.

Tim Pfeifer aus Owingen, bis 2012 Schüler an der Jörg-Zürn-Gewerbeschule und heute Student an der Dualen Hochschule Mannheim, Fachbereich Energietechnik, meldete sich zu Wort. Man erwarte in absehbarer Zeit die Marktreife der „Smart Meter“. Damit würde den Stromkunden automatisch angezeigt, ob gerade preiswerter Überschuss vorhanden ist oder Mangel an Strom herrscht und damit der Preis hoch ist. Wenn das Realität wird, müsse man bereit sein, sich den Zeitpunkt für das Laden des Elektrofahrzeugs und den Betrieb der Waschmaschine vorgeben zu lassen.

 Klaus W. König, Autor dieses Beitrags, ist Fachjournalist und Buchautor zum Thema ökologisches Bauen. Er wohnt in Überlingen.


Klaus W. König, Südkurier Überlingen, 04.12.14 nach oben