> Pressespiegel > Bericht: SÜDKURIER, 02. Dezember 2014
 

Das Grauen von Auschwitz hautnah erleben

 Drama „Im Labyrinth des Schweigens“ in der Cinegreth - Zum vom Hansjörg Straub moderierten Filmgespräch kam Kerstin Gnielka

Überlingen – Bis zum Ende des Abspanns bleibt man im Kino selten sitzen. Heute ist das anders. Während die Namen über die Leinwand laufen, ist es ganz ruhig im Publikum, das an diesem Abend in der Cinegreth zusammengekommen ist, um sich den Film „Im Labyrinth des Schweigens“ anzusehen. Vielleicht, weil alle voller Spannung auf das anschließende Filmgespräch mit Kerstin Gnielka warten. Vielleicht aber auch, weil der Film das Publikum nachdenklich gemacht oder sogar erschüttert hat? Es ist jedenfalls kaum vorstellbar, dass die Geschichte irgendjemanden kalt gelassen haben könnte.

Der Film spielt in den 1950er-Jahren: Über den Gräueltaten der Nazis liegt ein dicker Schleier des Verschweigens und Vergessens. Die Bevölkerung feiert lieber den Wirtschaftsaufschwung und blickt nach vorne. Die Auschwitz-Mörder von einst leben ungestraft mitten in der Gesellschaft, arbeiten als Bäcker oder Lehrer – und keiner will diese Absurdität wahrhaben. Kerstin Gnielka erzählt nach der Filmvorführung davon, wie es wirklich war. Hautnah, denn sie ist die Tochter des verstorbenen Thomas Gnielka, der auch im Film eine tragende Rolle spielt. Der Journalist hatte maßgeblich zur Aufklärung der Auschwitz-Verbrechen beigetragen. Ob ihr Vater wirklich mit einer Pistole unterm Kopfkissen geschlafen habe, will einer der Zuschauer wissen. Ja, antwortet Gnielka, so schlimm sei es gewesen, und noch schlimmer. Details will sie nicht nennen. Sie und ihre Geschwister haben ein paar Szenen aus dem Drehbuch nehmen lassen, weil sie zu persönlich, zu traumatisch für die Familie waren. Schließlich hatte die Familie das Leid der Auschwitz-Überlebenden geteilt, ihnen geholfen, und den Hass der Nazis auf sich geladen. Wer hält das schon aus? Ein Besucher sagt, es mache ihn betroffen, dass „hier jemand steht, deren Vater das alles miterlebt hat.“ Das Interesse an Augenzeugen, 

Hansjörg Straub moderierte das Filmgespräch mit Kerstin Gnielka in der Cinegreth in Überlingen. 
Bild: Riess

an authentischen Erzählungen ist groß. Sie gehen unter die Haut. So wie der Film.

Bei Klaus Lenz ruft der Film Erinnerungen wach. An den eigenen nationalsozialistischen Geschichtslehrer, der die jüngste Geschichte, nämlich das Dritte Reich mit allem Drumherum, schlichtweg außen vor ließ. „Ich habe das also selber so erfahren“, erzählt der Überlinger. „Der Film war für mich authentisch.“ Einem anderen Zuschauer war nicht bewusst, dass die Auschwitz-Mörder so lange frei und ungestraft herumliefen: „Ich finde es erschreckend, dass man 13 Jahre gebraucht hat, um zu begreifen, dass es diese Massenvernichtung gegeben hat.“ Hansjörg Straub, Geschichtslehrer an der Jörg-Zürn-Gewerbeschule, war mit seiner Abiturientenklasse vor einiger Zeit im Film. Die Relevanz ist auf jeden Fall noch da, sagt er. „Der Prozess der Aufarbeitung der Geschichte ist definitiv noch nicht abgeschlossen. Noch ein, zwei Generationen brauchen wir.“ Der Film brachte seine Schüler dazu, Gnielka zu einem Gespräch in die Schule einzuladen. Geschichte hautnah – das macht auch Generationen später noch Vergangenheitsbewältigung möglich.

Zur Person

Kerstin Gnielka hat die Entstehung des Dramas „Im Labyrinth des Schweigens“ in den vergangenen Jahren beratend begleitet. Im Herbst 2014 hat sie das Buch ihres Vaters Thomas Gnielka „Als Kindersoldat in Auschwitz. Die Geschichte einer Klasse“ mit herausgegeben, welches die wahre Geschichte, die dem Film zugrunde liegt, dokumentiert. Kerstin Gnielka lebt und arbeitet in Berlin, beschreibt Überlingen aber als ihre zweite Heimat, in der sie viel Zeit verbringt. Das Filmgespräch in der Überlinger Cinegreth war ihr deshalb eine Herzensangelegenheit.

Julia Riess, Südkurier Überlingen, 02.12.14 nach oben