> Pressespiegel > Bericht: SÜDKURIER, 24. Dezember 2012
 

Überwältigendes Seherlebnis

Ein großartiger Kunstschatz: Überlinger Hochaltar von Meister Jörg Zürn

                      

  Ein Meisterwerk deutscher Holzschnitzkunst, zwischen 1613 und 1615 von Jörg Zürn in Überlingen geschaffen.  Bild: Achim Mende
   
 

Überlingen – Als Meister Jörg Zürn am 7. Dezember 1613 den Auftrag von der Stadt Überlingen erhielt, einen Hochaltar für die hintere Chorwand des Münsters zu fertigen, stand er vor einer fast unlösbaren Aufgabe. Nur 2,5 Jahre gewährte ihm der Rat der Stadt, um den Altar zu gestalten. Für ein Altarretabel von 12,5 Meter Höhe mit 23 großen und 50 kleineren Figuren sowie vielen klein- und großteiligen architektonischen Details eine sehr kurze Zeitspanne.

Der aus einer Bildhauerfamilie in Bad Waldsee stammende Zürn – er wurde 1583 geboren und starb um 1635/38 in Überlingen – löste diese Aufgabe jedoch mit leichter Hand. Er ließ seinen Vater und seine Brüder kommen, die ihm halfen, sein Hauptwerk zu vollenden. So konnte am 6. Dezember 1616, dem Patroziniumstag des Münsters, der Altar zu Ehren der Jungfrau, des Heiligen Nikolaus, des Heiligen Sebastian und des Heiligen Rochus geweiht werden.

Ähnlich wie die etwa 100 Jahre früher entstandenen Schnitzaltäre von Tilmann Riemenschneider ist auch dieser Altar aus Lindenholz und unbemalt, das heißt auf Holzsichtigkeit hin angelegt. Jörg Zürn war selbstbewusst genug ohne farbige Fassung auszukommen, um seine außerordentliche Kunst zu demonstrieren. Vor der Anfertigung stellte der Bildhauer einen Entwurfsriss her, der heute noch im Städtischen Museum zu bewundern ist und die feinen Details und Einzelheiten dieses Meisterwerkes der Holzbildhauerei aufzeigt.

Trotz familiärer Unterstützung ließ der damals 30-jährige Zürn es sich nicht nehmen, die Hauptszenen des Altars, die in der Predella gestaltete Verkündigungsszene und die im ersten Geschoss angesiedelte Hirtenanbetung sowie die Heiligen Sylvester und Michael selbst zu schnitzen. Dagegen ist die in der Spitze des Altars zu findende Kreuzigung das Werk seines Vaters Hans d. Älteren und die Marienkrönung im zweiten Geschoss das Werk seines Bruders Martin.

Der Altar, einer der schönsten deutschen Schnitzaltäre des Manierismus, beeindruckt nicht nur durch die vielen, fast lebensgroßen und lebendig agierenden Figuren, sondern auch durch seine Architektur, die licht und leicht und ohne Rückwand gestaltet ist, dennoch die antike Größe und Würde der Renaissance wiedergibt. Jörg Zürn, beeinflusst von seinem Lehrmeister, dem Konstanzer Bildhauer Hans Morinck, spielt hier mit dem antiken Formenrepertoire. Das mächtige und auskragende Gesims wird an der Unterseite mit Dekorationsformen gespickt, die Giebel an der Seite gebrochen sowie die fast vier Meter hohen Säulen ausgehöhlt und mit viel Zierart geschmückt. Nicht der klassische, auf Ordnung angelegte Renaissancestil wird hier benutzt, sondern eine individuellere, auf Effekt und Ausdruck ausgerichtete Gestaltungsweise gewählt.

Jörg Zürn war auf der Höhe seines Schaffens, aber auch auf der Höhe seiner Zeit, als er die lebensnahen Figuren der Hirtenanbetung schuf. Mit einer energiegeladenen Expressivität stellt er die vier Hirten, den Engelschor und die weiteren Figuren dieser wunderschönen Weihnachtsszene dar. Ungewöhnlich ist, dass er Maria und Joseph, die üblicherweise entweder direkt hinter dem Kind in der Krippe stehen oder aber eng daneben, an die linke Seite rückt, etwas abseits vom Geschehen, während er die unterschiedliche Anbetung der vier Hirten in den Mittelpunkt stellt. Wahrscheinlich liegt dieser eigenwilligen Komposition ein formaler Hintergedanke zugrunde, denn er brauchte ein Gegengewicht zu dem Hirten rechts von der Krippe, der als größte und prägnanteste Figur inhaltlich hervorgehoben wird.

Seinen Hut mit überlängten Fingern in der linken Hand haltend, scheint er im Gehen begriffen und schaut zurück auf das Jesuskind, so als ob er sich vom Wunder noch einmal überzeugen müsste. Ihm zur Seite ist ein Hund gestellt, der ihn zum Aufbruch drängt. Diesen Hund, so erzählt eine Anekdote, soll es wirklich gegeben haben. Er kam mit seinem Hirten jährlich zu Weihnachten von den Weiden aus Hödingen in die Stadt hinunter und war der Liebling der Überlinger Bürger. Vielleicht hat Zürn ihm in dieser außergewöhnlichen Darstellung ein Denkmal gesetzt.

Ob der stehende Hirte oder aber sein knieender Begleiter, der seine Hände anbetend dem Jesuskind entgegenstreckt und aus dem Bild direkt herausschaut, die Gesichtszüge von Jörg Zürn trägt, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, richtig ist aber, dass der Bildhauer in den vier Hirten unterschiedliche Arten der Anbetung thematisierte. Der hintere bringt seine Musik in Form einer Sackpfeife dem Kind dar, der Hirte neben ihm trägt ein Lamm auf der Schulter, ein Geschenk seines Berufsstandes und die beiden anderen runden die Anbetung mit wiederum unterschiedlichen Gestiken und Mimiken ab. Meisterlich gestaltet ist auch der Engelschor, der oberhalb der Szene schwebt. Die verschiedenen Engelsgruppen sind plastisch und vor allem auch räumlich gekonnt angeordnet, jeder einzelne Putto individuell und besonders gekennzeichnet. In der Weitsicht ist der Altar beeindruckend, in der weihnachtlichen Nahsicht aber ein überwältigendes Seherlebnis deutscher Holzschnitzkunst, das nach dem Gottesdienst am Sonntag von allen Kirchenbesuchern bewundert werden kann.


Ulrike Niederhofer, SÜDKURIER Überlingen, 24.12.12 nach oben