> Pressespiegel > Bericht: SÜDKURIER, 14. Januar 2012
 

Vier Standorte in 175 Jahren

Ø Jörg-Zürn-Gewerbeschule begeht großes Jubiläum
Ø
Feierliche Eröffnung erfolgte am 07. Januar 1837   
Ø Wessenberg und Hebel an Gründung beteiligt          

Überlingen – Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts entwickelten sich Technik und Wirtschaft im Zuge der Industrialisierung in immer größerem Tempo fort. Die überkommenen Traditionen erwiesen sich als nicht mehr ausreichend für die Ausbildung des handwerklichen Nachwuchses. Die Ausbildung der Lehrlinge in Handwerksbetrieben bedurfte in technischer und betriebswirtschaftlicher Hinsicht der Ausweitung und Vertiefung durch handwerksnahe Schulen.

Wesentliche Anregungen für die Entstehung von Gewerbeschulen in Baden gingen vom Konstanzer Generalvikar und Bistumsverweser Ignaz Heinrich von Wessenberg aus. Seit 1822 wurde im badischen Landtag über die staatliche Finanzierung bestehender privater und die Gründung neuer staatlicher beruflicher Schulen diskutiert. Bedauert wurde, dass das höhere Schulwesen und die wissenschaftliche Bildung eine zu wichtige Rolle spiele, während Handel und Gewerbe vernachlässigt würden. Im badischen Parlament setzten sich von katholischer Seite vor allem von Wessenberg und von protestantischer Seite Johann Peter Hebel für den Ausbau des beruflichen Schulwesens ein, die beiden wichtigsten badischen Aufklärer. Ergebnis dieser Anregungen war die Gründung der Polytechnischen Schule in Karlsruhe 1825 durch die großherzogliche Regierung. Neben dieser Vollzeitgewerbeschule gab es auch zahlreiche Initiativen zur Gründung gewerblicher Sonntagsschulen durch Beamte, Geistliche, Gewerbevereine oder Private, in denen es außer der beruflichen Weiterbildung neben der eigentliche Lehre im Handwerksbetrieb auch auf die „moralische Bildung“ ankam.

Die Gewerbeschule, hieß es in der „Höchsten Verordnung vom 15.5.1834 über die Errichtung von Gewerbeschulen“, habe „den Zweck, jungen Leuten, die sich einem Handwerk oder Gewerbe widmen, diejenigen Kenntnisse und graphischen Fertigkeiten beizubringen, die sie zum verständigen Betriebe dieses Gewerbes geschickt machen“.

Die Unterrichtszeit lag zunächst generell außerhalb der normalen Arbeitszeit, an Sonn- und Feiertagen von Ostern bis November zwei bis zweieinhalb Stunden und an Werktagen eine Stunde täglich am Feierabend.

Der Gesetzgeber regelte auch die Kostenfrage durch den Schulträger: Wo eine Gewerbeschule errichtet wurde, sollte die Gemeinde auch für deren Ausstattung sorgen. Überdies wurde verfügt, dass die Gewerbeschulen der Aufsicht eines Schulvorstandes unterstanden. Diesem Gesetz verdanken 34 Schulen ihre Entstehung. Darunter im Bodenseegebiet in Konstanz 1834, in Überlingen 1837, in Pfullendorf 1856, in Messkirch 1865, Stockach, Singen, Radolfzell und Markdorf folgten später.

Der Überlinger Gemeinderat war mit der Einrichtung einer Gewerbeschule in Verbindung mit der schon bestehenden Bürgerschule unter der Voraussetzung einverstanden, dass der badische Staat einen Zuschuss gewährte, und richtete im Februar 1835 einen Gewerbeschulvorstand ein. Mit einigen wenigen Lehrlingen und Lehrern aus der Höheren Bürgerschule und Gewerbetreibenden wurde der Unterricht provisorisch begonnen, scheint aber nicht befriedigend gewesen zu sein, wie Stadtpfarrer Franz Sales Wocheler feststellte. Es fehlte vor allem ein Fachlehrer für Mechanik.

Am 27. Dezember 1836 trat Gewerbelehrer Karl Stengel seine Stelle in Überlingen an. Stengel, geboren 1809 in Karlsruhe, Sohn eines Schreinermeisters und zuvor Lehrer an der Gewerbeschule in Karlsruhe, übernahm zu Anfang des Jahres 1837 den sechsstündigen Unterricht, der montags bis freitags von 19 bis 20 Uhr und samstags von 18 bis 19 Uhr stattfand.

Auf 7. Januar 1837 lud das Bürgermeisteramt zur feierlichen Eröffnung der Gewerbeschule ein, bei der Bürgermeister Müller eine Rede hielt, Gewerbelehrer Stengel die Schule vorstellte und der Stundenplan von den Zunftmeistern gutgeheißen wurde. Der Gewerbeschulvorstand bestand aus folgenden Personen: dem Seifensieder Mayer, dem Werkmeister Fleig, dem Strumpfwirker Bürster, den Gemeinderäten Ibele, Stempfel und Ullersberger, dem Gewerbelehrer Stengel und dem Benefiziat Müßle. Karl Stengel sprach sich ungünstig über den Abendunterricht aus. Die Schülerzahl bei der Eröffnung betrug 50. Ein halbes Jahr später, am 14. Juli 1837, besuchten nur noch 36 Schüler regelmäßig die Gewerbeschule. In der ersten Klasse wurden Lehrlinge aus unterschiedlichen Berufen zusammen unterrichtet: Bäcker, Buchbinder, Büchsenmacher, Drechsler, Glaser, Hafner, Hutmacher, Küfer, Kürschner, Kupferschmied, Müller, Nagelschmied, Pflästerer, Rothgerber, Sattler, Schmied, Schneider, Schreiner, Schuhmacher, Seifensieder, Uhrenmacher und Weber. 1840 wurde der Schulzwang eingeführt, 

Die Jörg-Zürn-Gewerbeschule an ihrem heutigen Standort in der Rauensteinstraße. Dieses Gebäude entstand 1957 und wurde Ende der 1960er Jahre erweitert. Heute gehören noch zwei weitere Neubauten zum Schulkomplex. Rechts Kurt Boch, der die Schule seit 1995 leitet.
Bild: Baur
Erster Standort war das ehemalige Franziskanerkloster (1837 bis 1847).
Bilder: Straub
Zweiter Standtort war die Seeschule (1875 bis 1912) direkt am Bodenseeufer.
Dritter Standort war das Meldegg'sche Haus in der Gradebergstraße (1912 bis 1956).

von da an durfte von den Meistern kein Lehrling aufgenommen werden, der nicht die Gewerbeschule besuchte.

In den ersten Jahren fand der Unterricht in den Räumen des ehemaligen Franziskanerklosters statt, dem heutigen Altersheim St. Franziskus. Zwischen 1875 und 1912 wurde in der neu erbauten Volksschule am Mantelhafen unterrichtet. Erst 1912 erhielt die Gewerbeschule ein eigenes Schulgebäude, das ehemalige Reichlin-Meldeggsche Haus in der Gradebergstraße (heute Musikschule). Als auch diese Räume nicht mehr ausreichten, entschied der Landkreis Überlingen sich für einen Neubau in der Rauensteinstraße. Dieser wurde 1956 bezogen, 1968 bis 1970 wurde er verbreitert und aufgestockt. 1977/78 wurde ein Werkstattgebäude errichtet, in dem seither die fachpraktische Ausbildung der Bereiche Kfz, Metall und Holz stattfindet. 1987 kamen sieben Schulsäle in einem Anbau der Constantin-Vanotti-Schule dazu. Die letzten Erweiterungen waren 2000 ein Neubau westlich vom Schulhof und die Errichtung einer eigenen Kreissporthalle, die von den Schülern aller beruflichen Schulen genutzt wird.

Bis Ende der sechziger Jahre bestand die Jörg-Zürn-Gewerbeschule nur aus der berufsausbildungsbegleitenden Teilzeit-Berufsschule, In den vergangen 50 Jahren kamen neue Vollzeitschulen hinzu. Heute finden sich unter dem Schuldach neben den Teilzeit-Berufsschülern die einjährigen Vollzeit-Berufsfachschulen für Elektro-, Fahrzeug-, Holz- und Metalltechnik, das dreijährige Technische Gymnasium, die zweijährige Berufsfachschule, die einjährige Berufsaufbauschule, das einjährige Berufseinstiegsjahr, das zweijährige Berufskolleg zur Ausbildung biologisch-technischer Assistenten, das einjährige Berufskolleg zur Erlangung der Fachhochschulreife und das einjährige Berufskolleg für Technik.

Großes Jubiläum

Die Jörg-Zürn-Gewerbeschule feiert 2012 ein großes Jubiläum: Sie wurde vor 175 Jahre gegründet. Gefeiert wird am Samstag, 23. Juni. Zum exakten Gründungsdatum, das sich vergangenen Samstag, am 7. Januar, gejährt hatte, blickt Oswald Burger auf die Geschichte der handwerklich-technischen Lehranstalt. Der Historiker, Autor, Literaturförderer und Träger des Kulturpreises des Bodenseekreises, ist selbst Lehrer an der Gewerbeschule und unterrichtet dort Deutsch, Geschichte und Gemeinschaftskunde.
    

    

Schülerzahlen, Rektoren und wichtige Förderer

Ø  Schülerzahlen: Im 19. Jahrhundert überstieg die Zahl der Schüler kaum die Hundert, erst nach dem Zweiten Weltkrieg stieg die Zahl über die Marke von 300, um dann in den achtziger Jahren einen Schülerberg von über 1000 zu erreichen, 1982 waren es sogar über 1100. Seither pendelt sich die Schülerzahl bei rund 600 bis 700 ein. Derzeit liegt sie bei 730.

Ø Schulleiter: Die prägenden Schulleiter waren in den Anfangsjahrzehnten Karl Stengel (1837-1863), Wilhelm Schwab (1868-1895) und Ludwig Grether (1896-1907), für die Jahrzehnte des Wachstums und der Differenzierung der letzten Jahrzehnte waren das insbesondere Erwin Uhl (1950-58), Anton Buckenmaier (1948-50 und 1958-1976) sowie Eberhard Pross (1976-1995).

Ø Ignaz Heinrich von Wessenberg, geboren 1774 in Dresden, aufgeklärter katholischer Theologe, 1801 Generalvikar des Bistums Konstanz. Weil er sich für die Gründung einer deutschkatholischen Nationalkirche einsetzte, wurde er nicht Erzbischof, lebte als hoch geehrter Privatmann und der Förderer der Kultur im weitesten Sinn bis 1860 in Konstanz. Als Mitglied der ersten Kammer der Badischen Ständeversammlung setzte er sich für die Hebung der Bildung ein. Für die Entwicklung der badischen Gewerbeschulen ist seine Programmschrift "Über die Bildung der 

Gewerbetreibenden Volksklassen überhaupt und im Großherzogtum Baden insbesondere" (Konstanz, 1833) wegweisend.

Ø Johann Peter Hebel, geboren 1760 in Basel, Dichter (vor allem mit den „Alemannischen Gedichten" und dem „Schatzkästlein des rheinischen Hausfreunds" bekannt geworden), evangelischer Theologe, Pädagoge und Politiker. Als Direktor des Karlsruher Gymnasiums, als Prälat der lutherischen Landeskirche und als Mitglied der ersten Kammer der badischen Ständeversammlung befasste er sich mit der Bildungs-, Kirchen- und Sozialpolitik und gehörte bis zu seinem Tod 1826 zu den Wegbereitern der badischen Gewerbeschulen.

Ø Franz Sales Wocheler, geboren 1778 in Ballrechten im Breisgau, Schüler, Ordensgeistlicher, Priester und dann Lehrer bei den Benediktinern von Sankt Georgen in Villingen, dann Weltpriester in Kappel bei Freiburg, Tiengen im Klettgau und von 1820 bis zu seinem Tod 1848 Stadtpfarrer und Dekan in Überlingen. Ordnete die Überlinger Volksschule neu, gründete 1833 eine dreiklassige „Bürgerschule", die Vorform des heutigen Gymnasiums, und war an der Entwicklung der Gewerbeschule beteiligt. Seine wertvollen Bücher stiftete er der Stadt, sie sind der Kern der berühmten „Leopold-Sophien- Bibliothek".   
   

 
 
Oswald Burger, Südkurier Überlingen, 14.01.12 nach oben