> Pressespiegel > Bericht: SÜDKURIER, 20. August 2011
 

Maler, Erfinder und Überlinger Original

Lokalhistoriker Hansjörg Straub recherchiert über den Maler Adolf Stocksmayr

Überlingen Der Maler Adolf Stocksmayr lässt ihn nicht mehr los. In jahrelanger Recherche hat der Überlinger Lokalhistoriker Hansjörg Straub aus vielen Mosaiksteinen ein faszinierendes Bild dieses Überlinger Originals zusammengesetzt, das laut Straub „nicht der große Künstler aber eine Künstlerpersönlichkeit war.“Auf seine viel beachtete Lesung über Stocksmayr bei der „Langen Nacht der Bücher“ im November 2010 bekam Straub zahlreiche Reaktionen, die für ihn auch Anreiz für weitere, erfolgreiche Recherchen waren.

Straub machte in Wien den Enkels Stocksmayrs, Andreas Rohl, ausfindig. Rohl zeigte Straub nicht nur Dutzende weitere Bilder Stocksmayrs, darunter viele Überlinger Motive, sondern er wies ihn auch auf Stocksmayrs Erfindungen hin. So hatte sich dieser eine Art mobiles Windkraftwerk ausgedacht und es sich 1943 sogar patentieren lassen. Straub ist begeistert und kann sich sogar vorstellen, Stocksmayrs Windrad anhand der vorliegenden Pläne einmal mit Schülern der Jörg-Zürn-Gewerbeschule, an der er unterrichtet, umzusetzen.

Stocksmayr war zeitlebens das gewesen, was man damals einen „Hungerkünstler“ nannte, und es ist sein Lebensende in bitterster Not, das Straub auf seine Spur bringt. Immer wieder hatte man ihm erzählt, im Goldbachlager, einer Barackensiedlung für die Ärmsten der Stadt, sei ein Maler verhungert. Die Geschichte bewegte Straub, er ging ihr nach. Heute denkt er, Stocksmayr sei wohl an Altersschwäche gestorben.

Zuvor aber hatte der gebürtige Österreicher immer am Rande des Existenzminimums gelebt. „Ein feiner Mensch, aber ein armer Teufel“, hat Straub denn auch den Aufsatz über Stocksmayr betitelt, den er im Jahrbuch des Bodenseekreises 2006 veröffentlichte. Damit fasst Straub die Meinung vieler Überlinger zusammen, denen Stocksmayr viele Jahrzehnte ein vertrauter Anblick war. Verkauft hat er kaum je ein Bild. Schon 1930 beantragte Stocksmayr, der seit 1928 in Überlingen gemeldet war, eine Fürsorgeunterstützung, was er auch 1936 wiederholte, mit dem Hinweis: „Falls die Heimschaffung nach Österreich in Frage käme, verzichte ich lieber auf jede Unterstützung und hungere mich lieber wie seither durch.“

Zu seinem Heimatland und hatte Stocksmayr jede Brücke abgebrochen. Straub vermutet dahinter einen familiären Konflikt. Genaues weiß auch der Enkel nicht, der seinen 

Seine Recherchen zum Maler Adolf Stocksmayr führten Hansjörg Straub (rechts) auch zu dessen Enkel Andreas Rohl (links) nach Wien.

Großvater nie kennenlernte. Enkel Andreas wollte mit 16 Jahren seinen unbekannten Opa am Bodensee besuchen, kam aber nur bis Salzburg, wo ihn die Polizei aufgriff und nach Wien zurück schickte. „Mein Großvater trug einen Rucksack mit vielen Talenten. Den hat er mir vererbt“, erzählte der 65-jährige Rohl, als ihn Straub und der Lokalhistoriker Albin Mayer aus St. Pölten in Wien besuchten. Mayer hatte in dessen Heimatort über Stocksmayr recherchiert und war so drei Jahre zuvor auf Überlingen und Straub gestoßen.

„Die Krankheit Kunst trage ich in mir“, fuhr Rohl fort. „Ich habe komponiert, gemalt, bin auf vielen Bühnen aufgetreten, war immer neugierig, eigensinnig und leider auch immer sehr leichtsinnig.“ Den Hang zu Erfindungen habe er ebenfalls von seinem Großvater. Dieser wollte etwa im Garten des Elternhauses der Überlinger Psychotherapeutin Gretel Leutz ein Bewässerungssystem anlegen, das aber nicht funktionierte. Nach hartnäckiger Recherche bekam Straub nach hartnäckiger Recherche aus dem Archiv des Deutschen Patent- und Markenamts in Berlin mehrere Seiten mit Skizzen und Erklärungen zu Stocksmayrs Windrad. „Ein vorausschauendes Werk“, meint sein Enkel, auch wenn der Opa damit keinen Erfolg hatte. Dennoch: „Arm war er nicht“, sagt Rohl. „Er hatte kein Interesse an Besitz. “ Er besaß einen Reichtum anderer Art, und so heißt es auch in einem Nachruf auf Stocksmayr am 24. März 1964 im SÜDKURIER: „Kein Wort der Klage über seine Armut hörte man von ihm, viel wunderliche Pläne, aber zur Besserung der Welt und die Liebe der Menschen untereinander. Es war rührend und traurig. Man darf nicht mehr so unabhängig leben wollen, ohne vernünftige Arbeit, ohne Familie und was sonst noch zu einem nützlichen Glied der Gesellschaft gehört.“

 
 
Südkurier Überlingen, 20.08.11 nach oben