> Pressespiegel > Bericht: SÜDKURIER, 19. Oktober 2010
 

Ein Plädoyer für Weltoffenheit

Eberhard Pross stellt sein Buch vor: 
„Begegnungen mit Leib und Seele – Betrachtungen aus der Kleinstadt“ 

Überlingen - Ein Mann mit dem Bekanntheitsgrad eines Eberhard Pross – gerade 80 Jahre alt geworden – muss nicht fürchten, bei einer Buchvorstellung zu wenig Zuschauer zu haben. Schließlich hat Pross als Lehrer, Schulleiter, Kommunalpolitiker und engagierter Mann auch in der Kirche einen guten Ruf.

„Begegnungen mit Leib und Seele – Betrachtungen aus der Kleinstadt“ heißt sein Buch, das er nun im sehr gut besuchten „Café Diener“ an der Lippertsreuter Straße vorstellte.

Café-Chefin Christa Diener begrüßte ein „Überlinger Original mit vielen Facetten“. Dass der Lehrer und ausgebildete Zimmermann Eberhard Pross das praktische Leben kennt, war aus allen Lesepassagen herauszuhören. Aus aktuellem Anlass – eine Umfrage der Friedrich-Ebert-Stiftung hat ergeben, dass in Deutschland die Vorbehalte gegen Zuwanderer wachsen – griff er zunächst zu den Kapiteln „Demokratie verlangt Engagement“ und „Von der Kunst zu streiten“. Da der Mensch von Natur aus kein Demokrat sei, werde schnell der „Ruf nach einem Retter, Messias, Tyrannen“ laut. „Politik als Kulturleistung des Menschen“ müsse „kultiviert betrieben“ werden. Ein echter Demokrat strebe nicht nach absoluten Mehrheiten, denn er wolle in der Debatte erfahren, wie ein anderer ein Problem sieht. So bleibe die eigene Meinung korrigierbar.

Mit Schlaglichtern auf die heutige Situation erhellte Eberhard Pross dann seine Absicht: Das „Rufen sie jetzt an!“ des geheimen Verführers „man“ im Fernsehen widerspreche wohl begründetem Selbstbewusstsein, die Anonymität der Arbeitswelt schränke im Unterschied zu früheren Zeiten der ganzheitlichen Arbeitswelt die Unverwechselbarkeit der Person stark ein: „Wir sind austauschbar geworden!“ Statt falschem Ehrgeiz auf Kosten anderer müsse nach dem richtigen Maß gesucht werden. Das heiße auch, in der Freizeit sich selbst zu fordern mit der „Einübung in aktive, schöpferische Freizeitkultur ohne hoch geputschten Massenkonsum“. Aus der Gleichberechtigung dürfe nicht Gleichmacherei werden.

Als „Goldenes Kalb“ werde von Politikern oft das Wachstum „verehrt“. Doch hinter addierten betriebswirtschaftlichen Zahlen fehle das Glück, die Sinnhaftigkeit, meint Pross. Statt der Automaten bei Banken, Postämtern und Bahnhöfen müsse Wachstum zuträglich sein. Pross sah die Grenzen 

 

Bild: Wieland

des Wachstums im Konsum der Industriegesellschaft mit der künstlichen Bedarfsweckung bereits überschritten. Qualitatives Wachstum fördere die Zukunftschancen der Jugend, quantitatives mache die Industriestaaten zu Sklavenhaltern.

„Der Respekt vor der Kultur des anderen gebietet uns zu unterscheiden zwischen Integration und Assimilation“, konstatierte Eberhard Pross in der Geschichte von Suleiman. An Werte wie Demut, Bescheidenheit und Dialog erinnerte er. Um eine „gemeinsame Basis von Suchenden“ zu finden, sollten Fragen, die noch nicht reif sind, ausgeklammert werden.

Pross selbst klammerte die Globalisierung nicht aus: „Was Dümmeres als dagegen zu sein habe ich noch nicht gehört“, betonte er. Die „Sonnenblume“ wurde in einer großen Kulturkreistypik von „Michel“ und „Tschu“ dargestellt – bei Michel die logisch-analytische Analyse, wo die Sonnenblume nach der Untersuchung zu Material „verkommt“, bei „Tschu“ lag das Ziel innerhalb des immer und immer wieder betrachteten Gegenstands, die sie zur Freundin der Sonnenblume werden lässt.

Schließlich vermittelte Eberhard Pross in der Meditation über drei Apfelkerne die Erkenntnis: „Ein gedankenlos weggeworfener Apfelputze ist ein Wunder der Natur“, doch „wir haben das Staunen zu sehr verlernt.“ Auch ein Kind war ihm Beispiel: Ist es dankbar empfangen oder Finanzierungsquelle? Pross hob hervor, dass „das Leben eine Leihgabe“ sei, denn „der natürliche Rhythmus zwischen Werden und Vergehen erhält uns unseren Lebenssinn“.

Eberhard Pross, Begegnungen mit Leib und Seele – Betrachtungen aus der Kleinstadt, Frieling-Verlag Berlin 2010.

 


Zur Person

Eberhard Pross, Kommunalpolitiker, Schulrektor und vielfach verbands- und vereinsaktiv engagiert, prägte die Stadt Überlingen während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und darüber hinaus maßgeblich mit.

Am 1. Oktober feierte er seinen 80. Geburtstag. Öffentliche Würdigungen wollte er nicht haben, gefeiert wurde im engsten Familienkreis. Bereits 1943 war Eberhard Pross, der gebürtige Berliner, kriegsbedingt mit seinen Eltern aus der damaligen Reichshauptstadt nach Überlingen übersiedelt. Mit 17 Jahren, 1947, gründete er die Ortsgruppe des „Christlichen Vereins junger Menschen“ (CVJM), die er vier Jahre lang leitete. Und um die in der Nachkriegszeit „herumstreunenden, gefährdeten Jugendlichen aufzufangen“, rief er im CVJM gleich noch eine Boxriege ins Leben, aus der später der Boxverein „Ringtrotters“ hervorging. Nach dem Abitur 1950 machte Pross zuerst eine Zimmererlehre und studierte anschließend ab 1952 in Stuttgart Bautechnik und evangelische Religion mit dem Ziel, Diplom-Gewerbelehrer zu werden. 1955 begann er seinen Berufsweg als Lehrer an der Überlinger Jörg-Zürn-Gewerbeschule. Zwei Jahre später legte er das Staatsexamen für das höhere Lehramt an Beruflichen Schulen ab. Anfang der 1970-er Jahre bildete er sich weiter bis zur Lehrberechtigung in Physik an Technischen Gymnasien (TG). Dieses TG war und ist nur einer von über einem Dutzend Schultypen unter dem Dach der Jörg-Zürn-Gewerbeschule, deren Leiter Pross 1976 wurde und bis zu seinem Ruhestand 1995 blieb. Neben den Berufsschulen der gewerblichen und handwerklich-technischen Richtung beherbergt die dem Kreis untergeordnete Lehranstalt auch jene für das Friseurhandwerk und das Berufskolleg für Biologisch-Technische Assistenten. Oberstudiendirektor Pross baute die Schule systematisch aus.

In seine Zeit fällt die Ernennung zur einer UNESCO-Projektschule. Eberhard Pross' politische Laufbahn begann 1970: Er gründete die Freie Wählervereinigung (FWV) Überlingen. Seine erste politische Funktion übernahm er 1971 als Kreisrat des damaligen Landkreises Überlingen, der er bis zu dessen Auflösung im Jahr darauf blieb. Später bestimmte er den Kreisrat des Bodenseekreises von 1979 bis 1999 maßgeblich mit. In den Überlinger Gemeinderat wurde er erstmals 1979 gewählt. Als FWV-Fraktionssprecher, der er bis 2001 blieb, entwickelte er sich zu einer zentralen Figur am Ratstisch und in der Kommunalpolitik. Von 1984 bis 1999 auch als Bürgermeisterstellvertreter. Das Bundesverdienstkreuz erhielt Pross 1995.

Im Mittelpunkt von Pross' mannigfaltigem ehrenamtlichen Engagement steht der Ortsverein des Technischen Hilfswerkes (THW), den er 1968 mit begründete und dessen Ortsbeauftragter er über Jahrzehnte war. Bereits 1959 war er evangelischer Kirchengemeinderat geworden. Diesem Gremium gehörte er bis 1971 an.

Eberhard Pross ist verheiratet mit Irene, geborene Bäumler, und hat zwei Söhne, Andreas und Thomas. Neben Lesen und klassischer Musik bestimmen der Sport und die dazugehörigen Vereine sein Leben in der Freizeit mit. Anfangs boxte er, später suchte er im Gerätetauchen und Fallschirmspringen die Extreme. Als Lehrer wurde er von so manchem Schüler für seine schweren, schnellen Motorräder beneidet. (mba)

 
 
 

Theo Wieland, Südkurier Überlingen, 19.10.10  

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