> Pressespiegel > Bericht: Südkurier, 22. April 2004
 

Auf der Bühne des Lebens stehen

Theater-Projekt der Berufsvorbereitungsklassen an der Jörg-Zürn-Gewerbeschule
mit Maria Gorius

Überlingen (hpw) Ein Klebeband auf dem Boden trennt Akteure und Zuschauer. "Hinter der Linie fängt die Bühne an", erinnert Maria Gorius aus Köln die Schüler des Berufsvorbereitungsjahres (BVJ) an der Überlinger Jörg-Zürn- Gewerbeschule. Dann kommt der Auftritt der Jungs, die plötzlich nicht mehr ganz so cool sind wie Sekunden zuvor, als sie noch unter den Beobachtern saßen - grinsten, lachten oder mit dem einen oder anderen Kommentar über den Auftritt des Mitschülers schnell bei der Hand waren.

"Ich heiße Fehrat", geht noch leicht über die Lippen. Doch dann wird es schon etwas zögerlicher. "Meine Hobbies sind Fußball und Boxen, als Tier wäre ich gerne eine Kobra, als Pflanze ein Kaktus", ist von anderen zu hören: "Die Schule reicht mir langsam."

Sich vorstellen, sich präsentieren, authentisch werden - so lautet der Titel des Projekts, das die Schule im Rahmen der Theatertage am See erstmals mit den beiden BVJ-Klassen anging. "Bald werden die Schüler sich um einen Ausbildungsplatz bewerben müssen", sagt ihr Klassenlehrer Hansjörg Straub: "Dann stehen sie vor einer ähnlichen Situation." Ein Bewerbungstraining ist das Projekt nicht, aber eine gute Übung.

"Wer bin ich? Was kann ich? Was will ich?" Diese Fragen werden die Schüler auch in einem Bewerbungsgespräch beantworten müssen. Beim Theaterprojekt stehen sie noch auf dem Blatt Papier und konnten vorher schriftlich beantwortet werden, um den eigenen Auftritt vorzubereiten. Jetzt heißt es präsent sein auf der "Bühne". Und das ist nicht ganz so einfach, wie sie es vom Fernsehen gewohnt sind.

"Wahrnehmung und Selbstwahrnehmung" sind für die Theaterpädagogin Maria Gorius ganz wichtige Faktoren, um im Leben souverän, aber auch den Erwartungen des Gegenübers entsprechend auftreten zu können.

Hinter dem Klebeband aber wächst die Nervosität schnell. Während der Akteur seine 

"Sich vorstellen, sich präsentieren, authentisch werden" lautet der Titel des Projekts, das die Theaterpädagogin Maria Gorius im Rahmen der Theatertage am See erstmals mit den beiden Klassen des Berufsvorbereitungsjahres der Jörg-Zürn-Gewerbeschule anging.
Bild: Walter

Selbstdarstellung präsentiert, dabei mit dem Fuß wippt oder sich am Kopf kratzt, sind die anderen Beobachter. Einer von ihnen spielt "Videokamera" und kopiert den Auftritt anschließend. Mehrere Anläufe sind notwendig, bis die aufmerksam Beobachtung so drin ist, dass der Schauspieler die Rolle nachspielen kann. Und dennoch gibt es anschließend Auseinandersetzungen darüber, was richtig oder falsch war, was gefehlt hatte. "Ihr seht: Jeder hat eine andere Wahrnehmung", sagt die Theaterpädagogin: "Das kann manchmal auch ganz schnell zu Konflikten führen."

Auch um das Einhalten von Regeln geht es. "Kannst du bitte ruhig sein während der Vorstellung", mahnt Maria Gorius: "Sonst musst du rausgehen." Im Theater sei dies auch nicht so einfach, kontert der Schüler, da habe er schließlich seine Eintrittskarte bezahlt.

Später stehen die Jungs vor einer echten Videokamera und berichten über ihren Traumberuf. Dann ist das fünfstündige Projekt auch schon gelaufen. "Das sind ganz wichtige Erfahrungen für die Jugendlichen", sagt Klassenlehrer Straub, der das Angebot der Theatertage nur dank der Unterstützung und Finanzierung durch den Förderverein der Schule annehmen konnte.

 
 
 

Hans-Peter Walter, Südkurier Überlingen, 22.4.04

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