> Pressespiegel > Bericht: Südkurier, 22. Juli 2004
 

Koexistenz für Bauern eine Illusion

Gentechnik und Landwirte sind sich nicht grün - Schüler-Experimente im "Biolab"

Überlingen - Sie konnten zueinander nicht finden. So könnte man die Podiumsdiskussion beim "Biolab"-Gastspiel an der Jörg-Zürn-Gewerbeschule in Überlingen zusammenfassen. Doch ein Illusionist, wer anderes erwartet hätte. So blieb es - wie Biologe Burkhardt Kleemeier am Ende der Kontroverse formulierte - "wieder einmal" bei einem Abend, der nach rituellem Muster abgelaufen sei und keine Annäherung gebracht habe. Dabei ist es erklärtes Ziel des "Biolab on Tour", den Dialog zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit zu fördern.Um es deutlich zu sagen: Es gibt in der Tat genügend gute Gründe, gentechnische Forschung zu betreiben und zu rechtfertigen - nur: die Landwirtschaft ist keiner. So sehen es zumindest die betroffenen Bauern aus der Region. Die erfahrenen Praktiker wollen nicht beglückt werden von den Segnungen gentechnisch veränderter Sorten.

Ohne Not werde die grüne Gentechnik eingeführt, lautete das Fazit von Ökolandwirtin Anneliese Schmeh. "Hier gehen Wissenschaftler explizit auf Ängste und Befürchtungen der Bevölkerung ein", heißt es im amtlichen Lob auf das "Biolab". Doch nicht immer war dies spürbar. Vereinzelten Zugeständnissen an die kritischen Positionen folgten alsbald abenteuerliche Unterstellungen. Statt um einen Dialog schien es Beate Mannschreck und Burkhardt Kleemeier mehr um Überzeugungsarbeit zu gehen. Und diese Mission musste zur "Mission impossible" geraten - dies konnte auch Moderator Hartmut Walter vom Berufskolleg für Biologisch-Technische Assistenten nicht verhindern. Selbst von der vermeintlich genialen Implantation von Abwehrgenen gegen den Maiszünsler versprechen sich die Landwirte nichts Positives. In der Ökolandwirtschaft gibt es seit langem beste Erfahrungen, bei konkretem Bedarf mit der Ausbringung des Bacillus Thuringensis zu reagieren; und die ständige Konfrontation mit dem Allheilmittel mache die schädlichen Larven nur schneller resistent. Eine Argumentation, die in Einklang mit den klassischen Evolutionsmechanismen steht. Andere Beispiele, die Grund zur Skepsis geben, kamen auf den Tisch: Wie die hessischen Kühe, bei denen - entgegen den Beteuerungen der Wissenschaftler - ganze DNA-Bruchstücke des veränderten Futtermais-Genoms identifiziert werden konnten.

Mit dem spiralförmigen DNA-Molekül, das die genetischen Erbinformationen trägt, fängt die Einführung von Biologin Beate Mannschreck im mobilen "Biolab" an. Nach grauer Theorie dürfen die Schüler in Überlingen im Experiment eigene DNA aus Speichel isolieren und mit der so genannten Polymerase-Kettenreaktion vervielfältigen.
Bild: Walter

Es gibt dennoch gute Gründe, Schülern einen Einblick in die gentechnischen Arbeitsmethoden zu vermitteln. Medizin und Kriminologie brauchen sie tagtäglich. Insofern gibt es auch keinen Grund, die ganze Einrichtung zu verdammen. Emotionale Entgleisungen des Musikers Jens Lachenmayer sind ebensowenig geeignet, um Verständnis für Kritiker zu werben - auch wenn sie einem Gefühl der Ohnmacht entspringen. "Sie sind alle Lügner", brüllte er die Wissenschaftler an.

Gut, dass bei Anneliese Schmeh praktische Erfahrung und Detailkenntnis, Engagement und Sachlichkeit zusammen kommen. "Die Koexistenz ist eine Illusion", erklärte sie. Beispiele, die ihre These stützen: Die Indios in Mittelamerika, die wider Willen genveränderten Mais anbauten und plötzlich mit Lizenzgebührforderungen des Saatgutkonzerns konfrontiert waren. Oder der kanadische Rapsanbauer, der fünf Jahrzehnte lang auf herkömmliche Weise Sorten züchtete, in die sich gentechnologisch veränderte Varianten hineindrängten. "Sein Lebenswerk war damit zerstört", sagte Schmeh. Doch statt Schadensersatz vom Saatgutkonzern zu erhalten, wird der Mann auf die Bezahlung von Lizenzgebühren verklagt und verurteilt. "Warum übernehmen die Firmen nicht die Haftung für ihre Produkte?" fragt Ökobäuerin Schmeh. Stattdessen werden die Landwirte als Nutzer vertraglich in die Pflicht genommen. Keine Basis, die Vertrauen schafft.

 
 
 

Hanspeter Walter, Südkurier Überlingen, 22.7.04

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