> Pressespiegel > Bericht: SÜDKURIER, 17. Februar 2017

 Fasnet auf dem Stundenplan

Narren erklären jungen Migranten Brauchtum - Hänsele Uwe Stett zeigt, was unterm Häs steckt - Zweite Aktion dieser Art an Jörg-Zürn-Gewerbeschule in Überlingen

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Schule mal ganz närrisch: In den Klassen Vabo I und II an der Jörg-Zürn-Gewerbeschule in Überlingen, in denen Flüchtlinge und Migranten unterrichtet werden, stand diese Woche die Fastnacht auf dem Stundenplan.
Bilder: Sylvia Floetemeyer

Überlingen – Themen sind in dieser ganz besonderen Schulstunde etwa Narrenmarsch, Hänsele und Hemdglonker. Im Unterricht in der Jörg-Zürn-Gewerbeschule sitzen Schüler der Vabo-Klassen I und II (Vorqualifizierungsjahr Arbeit und Beruf für Jugendliche ohne Deutschkenntnisse). Sie kommen aus Äthiopien, Afghanistan, Gambia, Syrien, dem Irak und weiteren Ländern. Während Überlinger Kinder die Narretei oft schon mit der Muttermilch einsaugen, ist Fastnacht für junge Flüchtlinge und Migranten Neuland. Damit sie es kennenlernen, bereitet Lehrerin Alice Hagg, selbst begeisterte Fastnachterin, sie darauf vor, unterstützt von ihrem Kollegen Markus Allgeier. Bereits das zweite Jahr in Folge kommen dazu auch Narrenvater Thomas Pross und Hänsele Uwe Stett in die Schule.

Da Hagg vergangenes Jahr festgestellt hatte, dass einige ihrer Schüler Angst vor vermummten Gestalten haben, zeigt Stett, indem er Schrift für Schritt das Hänsele-Häs anlegt, dass darunter, "en ganz normale Kerle steckt", wie Pross sagt. Doch dieses Jahr sind Pross und Stett nicht die einzigen Narren in der Schule. Als sie ins Klassenzimmer kommen, empfangen sie bereits ein Hemdglonker, eine Beurener Hexe, ein Altheimer Drache und ein Seehas aus Bodman-Ludwigshafen.

Pross gibt eine kleine Einführung in die Überlinger Fasnet, erklärt etwa den Hänsele, seine Karbatsche, die Narreneltern und die Fasnet allgemein: "Alles, was im Leben eine Rolle spielt, findet sich auch in der Fasnet wieder. Essen und Trinken sind ganz wichtig, auch Tanzen, Necken, Spaß machen." Und, betont Pross: "Alle können mitmachen, alle Altersgruppen, vom Kindergarten bis zum Altenheim." Pross erläutert auch, was ein Umzug ist: "Der macht nur Sinn, wenn am Straßenrand Leute stehen und zugucken." Er lädt die Schüler ein, eben das zu tun, und verteilt an sie Umzugsplaketten. Schließlich spielt auch das Schenken an Fastnacht eine wichtige Rolle. Hagg verteilt Brezeln und Süßigkeiten. Da können, anders als bei Wurst und Wecken, auch Muslime problemlos zugreifen.

Lamin Jabbi und Jangfula Jallow sind ganz begeistert. Sie kommen aus Gambia, dem kleinsten Staat Afrikas. Auch dort gebe es Karneval, "aber ganz anders", sagt Lamin. Jangfula nahm in der Hauptstadt Banjul und in

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Uwe Stett (links) zeigt Schritt für Schritt, wie sich ein Überlinger in einen Hänsele verwandelt. Narrenvater Thomas Pross hilft ihm dabei.

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Ein Überlinger Hänsele schnurrt mit Lamin Jabbi (links) und Jangfula Jallow. Beide kommen aus Gambia und finden Fastnacht toll.

Brikama schon daran teil, maskiert und in einem rot-weißen Kostüm, erzählt er. Auch Sowda Mohamed Khalif kennt Karneval aus ihrer Heimat Äthiopien. Sie selbst ist zwar Muslima, aber ihre Familie hatte christliche Nachbarn, mit denen man viele Feste gemeinsam gefeiert habe.

Schulleiter Stefan Wunder, der an der Stunde teilnimmt, ist davon sehr angetan. Die Fasnetslektion sei auch "wichtig für den Umgang untereinander", sagt der gebürtige Münchener. Ein Stück Integration, das auch Jugendlichen Spaß macht, die aus ganz anderen Kulturen kommen. Etwa Hakeem aus dem Irak. Er kennt Fastnacht schon aus Friedrichshafen und Ravensburg und findet sie "sehr gut".


Sylvia Floetemeyer, Südkurier Überlingen, 17.02.17  nach oben