> Pressespiegel > Bericht: SÜDKURIER, 12. Dezember 2016

 Guantanamo Bay auf der Münsterstraße

Schüler der Jörg-Zürn-Gewerbeschule protestieren zum Tag der Menschenrechte gegen Folter und Zwangsprostitution

Schüler der Jörg-Zürn-Gewerbeschule mit ihren Projektbegleitern provozierten am Tag der Menschenrechte in der Überlinger Münsterstraße. Folter und Zwangsprostitution machten sie mit ihrer drastischen Aktion sichtbar.
Bild: STEF MANZINI

Überlingen – Mit einer provokanten Aktion haben Schüler der Jörg-Zürn-Gewerbeschule Überlingen in der Adventszeit demonstriert. Sie wollten auf Folter und Prostitution aufmerksam machen. Dafür trugt ein Schüler einen orangefarbenen Overall mit schwarzer Kapuze und Ketten an den Händen. Das ist die Häftlingskleidung der berüchtigten Guantanamo Bay, eines Gefangenenlagers der USA. Ein Foto zeigt den nackten Rücken einer Frau, auf dem in schwarzer Farbe der Slogan "Not for Sale" (nicht käuflich) steht. Die Schüler hatten zum Thema Zwangsprostitution und Folter auch einen Fragebogen entwickelt.

Eine Frage lautete zum Beispiel: Wie alt ist der größte Teil der Gewaltopfer in der Prostitution? Nicht alle Passanten, die am Stand stehen blieben, wussten darauf die richtige Antwort. Sie lautet jünger als 21 Jahre. In wie vielen Ländern wurde in den vergangenen fünf Jahren Folter registriert? Dies war eine weitere Frage, die von den meisten am Stand mit der Antwort "20 bis 70 Länder" beantwortet wurde. Kaum jemand hätte gedacht, dass es weltweit zwischen 131 und 176 Länder, in denen Menschen gefoltert werden.

Wie Peter Gött, der Schulkoordinator der Unesco-Projektschule, erklärte, wollte man durch diese Aktion die Aufmerksamkeit der Passanten auf Themen lenken, die mit dem Tag der Menschenrechte am vergangenen Samstag zu tun hatten. Begleitet wurde die Aktion der BTA-Schülerinnen und ihrer drei Mitschüler vom Technischen Gymnasium von ihrer Klassenlehrerin Monika Kurtsiefer und Erika Korn von Terre des Femmes.

Monika Kurtsiefer hatte sich als Leiterin der UNESCO-AG, die aus Schülern und Schülerinnen verschiedener Klassen der JZG besteht, mit den Schülern intensiv auf diesen Aktionstag vorbereitet. Erika Korn, die im Bodenseegebiet die Hilfsorganisation "Menschenrechte für Frauen" vertritt, lenkte den Fokus

der Passanten auf das Projekt Florika in Bulgarien. Hier wird durch Aufklärungs- und Präventionsarbeit vor Ort versucht, jungen Frauen eine Perspektive zu schaffen und so zu verhindern, dass sie in die Prostitution abrutschen.

Leo Sprengel, der als Häftling verkleidete Schüler, berichtete von Reaktionen der Passanten am Aktionsstand: "Ohne die Prostitution wäre doch die Dritte Welt schon längst verhungert und auch die Zwangsprostituierten hier schicken doch wenigstens Geld nach Hause", habe ihm ein Mann entgegengehalten. Gerade Statements wie dieses zeigten, wie notwendig ihre Aktion sei, waren sich die Schüler einig. Auch viel Betroffenheit hätten sie erlebt, aber auch sehr oft Resignation: "Ihr könnt damit doch nichts ändern."

Elisa Raso erklärte, ihr sei es wichtig, den "Finger in die Wunde zu legen". Die 19-jährige Schülerin weiß, dass sich mit einer solchen Aktion die Tatsachen nicht aus der Welt schaffen lassen. "Vergewaltigung und Zwangsprostitution, aber auch Folter sind immer noch zeitgemäß, und dagegen wollen wir ein Zeichen setzen", erklärte sie. Mangelnde Bildung und Geldnot sowie Menschen, die diese Umstände hemmungslos ausnutzen, seien Hauptursachen dafür, dass sich viele junge Frauen für Geld verkaufen müssten, erklärte Elisa Raso. Die Schüler wollten mit ihrer Aktion Aufmerksamkeit schaffen und jenen eine Stimme geben, die keine haben. Klar wüssten sie alle, dass derartige Aktionen vorerst nichts daran ändern, dass Menschen gefoltert werden oder in der Zwangsprostitution landen, erklärte ein Schüler.

Ihnen ginge es darum, Aufmerksamkeit auf jene Themen zu lenken, die in "unserer kleinen heilen Welt" so gerne übersehen würden. "Dafür holen wir uns hier heute kalte Füße", schloss Elisa Raso.


Stef Manzini, Südkurier Überlingen, 12.12.16  nach oben